Holz als Teil einer neuen Ästhetik der Imperfektion

Angesichts des Klimawandels und der vielschichtigen Veränderungen kann es den privaten Bauleuten derzeit schwerfallen vom lebenswerten, qualitätsvollen Wohnraum zu träumen. Die Ansprüche daran haben sich über Jahrzehnte gemeinsam mit dem Wohlstand gesteigert. Eine nötige Reformierung des Traums muss nicht einen Qualitätsverlust bedeuten – im Gegenteil.

Julia Kick, Architektin

holzbau austria Magazin 3/2023
Foto: © Karin Nussbaumer

Wir alle kennen die Zahlen bezüglich der hohen CO2- Emissionen des Bausektors. Dass dieser besonders in den Ländern mit den wenigsten Reglementierungen der Bautätigkeiten generell und speziell bezüglich energie- und ressourcenschonenden Bauens in den nächsten Jahren regelrecht explodieren wird, lässt ein Gefühl von Ohnmacht und Sinnlosigkeit im lokalen Kampf für klimafreundliches Bauen aufkommen.

Diese Länder streben nach Wohlstand, nach Standards, die wir bereits seit Jahrzehnten haben. Das Praktizieren, Vorleben und Weiterentwickeln guter Beispiele ist deshalb nicht nur ein kleiner Gewinn auf lokaler Ebene. Das Kleine und das Große – alles hängt zusammen. Wie sehr musste das auch der Holzbau vor Kurzem erfahren, als globale Mächte plötzlich große Auswirkungen auf die lokale Materialverfügbarkeit und das Preisniveau hatten. Es wurde deutlich, dass auch der ökologische, vermeintlich lokale Holzbau tief verstrickt ist in ein schwer nachvollziehbares und kaum beeinflussbares Netzwerk.

Kein Zweifel – der Holzbau kann mit seiner guten CO2- Bilanz punkten und muss deshalb unbedingt forciert und skaliert werden. Es kann jedoch nicht die Lösung sein, gleich wie bisher nur eben in Holz zu bauen. Der Verbrauch vom wichtigen Treibhausgasspeicher Boden muss drastisch reduziert werden. Der größte Bodenverbraucher in Österreich ist der Wohnbau, vorherrschende Wohn(t)räume müssen sich also ändern. Wir brauchen verkehrssparende, kompakte Siedlungsformen und eine Verdichtung bestehender Kommunen. Diese gibt es zuhauf. Sie sind unser Erbe, resultierend aus dem immer noch anhaltenden Traum vom Einfamilienhaus als erstrebenswerter Wohnform. Die Sanierung und Adaptierung dieser jungen und mitunter ästhetisch fragwürdigen Alltagsarchitektur bildem einen großen Teil der Bauaufgaben von Architekten.

Hier kann der Holzbau seine Muskeln spielen lassen. Er ist leicht, flexibel, anpassbar, präzise und durch einen hohen Grad an Vorfertigung für schnelle, leise und saubere Umbauten in bewohnten Siedlungen bestens geeignet. Und vermutlich ist dieser Einsatzbereich des Holzbaus in den kommenden Jahren leicht skalierbar. Denn immer öfter müssen sich private Bauleute aus Kostengründen vom Traum des kleinen Zubaus und der weiteren Nutzung ihres Erbes als Einfamilienhaus verabschieden und sich Mitstreiter für ein Zwei-oder Dreiparteienhaus suchen. In diesem kleinen, privaten Wohnbau liegt das große Potenzial des einfachen Bauens in leicht verdichteter Form. Der Schallschutz muss hier nicht (überhöhten) Normen und Standards entsprechen, sondern kann von Nutzern selbst definiert werden. Dies bedeutet für Architekten und Planer viel Aufklärungsarbeit und Begleitung ihrer Auftraggeber. Reduziert zu bauen, zu hinterfragen, was wirklich nötig ist, erfordert ein hohes Maß an Kompromissbereitschaft. Auch von den Architekten. Denn Perfektion und ästhetisch höchste Ansprüche sind bei Sanierungen oft nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand zu erreichen. Dann wird das ewige Totschlagargument „Sanieren ist teurer, als neu zu bauen“ schlagend.

Eine neue Architektursprache darf gefunden werden, um Kompromisse in Szene zu setzen, um aus dem kleinteiligen Fügen von Einzelteilen ein stimmiges, interessantes Ganzes zu machen. Der Holzbau vermag mit seinen sympathischen Qualitäten wie Behaglichkeit, Wärme, Gemütlichkeit und Handwerkskunst den Abschied von übertriebenen Wohnträumen, von Größe, Perfektion oder Ausstattung leicht zu machen.

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